„Krass was Quarantäne mit einem macht“

Einblicke in das AWO Jugendhaus des Jugendhilfeverbunds Westthüringen in Eisenach

Joey hätte die letzten Monate, wie so viele Menschen gern anders verbracht – doch außer Ausbildung, zu Hause bleiben, lernen war nicht viel im Pandemiejahr 2020. Der 17-Jährige lebt gemeinsam mit neun anderen Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren im AWO Jugendhaus Werrastraße in Eisenach. Das Haus musste in den vergangenen Monaten viel Erfahrung mit Homeschooling, Quarantäne und Frustrationsbewältigung machen.

„Corona nervt ziemlich“, sagt Joey im Video-Chat. „Man ist total eingeschränkt, kann nicht normal rausgehen und Freunde treffen.“ Dabei hat der Azubi noch Glück, denn für seine Ausbildung zum Holzmechaniker kann er jeden Tag nach Thörey bei Arnstadt fahren. Nur im Dezember ging das nicht, da war das Jugendhaus zwei Wochen in Quarantäne, weil ein Mitbewohner positiv getestet wurde. Eine riesige Herausforderung für ein ganzes Haus voller Teenager.

Großes Lob an die Jugendlichen

„Das ist schon krass, was die Quarantäne mit einem macht“, erzählt Joey. „Ich war den ganzen Tag alleine in meinem Zimmer, hab auf dem Bett gelegen, bei Instagram herumgehangen. Ich war die ganze Zeit nervös.“ Hausleiter Steve Hemleb ist aber zufrieden damit, wie die Kids die Quarantäne überstanden haben. Sie haben sich, wie schon die gesamte Pandemie über, an die Regeln gehalten, sind einzeln in die Küche zum Essen gekommen. „Die Mahlzeiten mit uns Erziehern haben sie sehr genossen und richtig in die Länge gezogen“, erinnert sich der Erzieher, der das Haus seit 2016 leitet. Das Team hat versucht, den Jugendlichen immer mal eine Freude zu machen: mit einem Kakao oder Kaffee hier, frisch gebackenem Kuchen da. Die Kommunikation untereinander fand hauptsächlich über WhatsApp statt.

Zusammenarbeit mit dem Träger: top

Stichwort Kommunikation. Das Team stand in engem Kontakt mit Ina Reitzner-Ruppert und Cornelia Seifert, den Leiterinnen des Jugendhilfeverbunds Westthüringen, zu dem das Jugendhaus gehört. Kolleg*innen aus anderen Einrichtungen des Verbunds haben ihre Hilfe angeboten, sind zum Beispiel für das Jugendhaus einkaufen gegangen. Mit Bereichsleiterin Sonja Tragboth und Geschäftsführerin Katja Glybowskaja gab es Telefonate, die Geschäftsstelle hat eine große Pizzalieferung spendiert. „Es war toll, die ganze Zeit den Rückhalt vom Träger zu spüren“, resümiert Steve Hemleb.

… mit dem Gesundheitsamt: flop

Das können er und sein Team vom Jugendhaus leider nicht von der Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt des Wartburgkreises behaupten. Wie auch andere betroffene AWO-Einrichtungen im Landkreis haben sie eine mäßige Kommunikation erlebt. Die ersten Absprachen nach dem positiven Testergebnis und die Anordnung der Quarantäne erfolgten zügig, dann war Funkstille. „Wir haben weder per Mail noch Telefon jemanden im Gesundheitsamt erreicht und es hat sich niemand nach der Situation bei uns erkundigt“, erinnert er sich. Auch nicht gegen Ende der angeordneten Quarantäne - es erfolgte nicht mal eine offizielle Aufhebung der Quarantänezeit.

Der Gewöhnungseffekt setzt ein

 Gab es im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 noch viel Stress zwischen den jugendlichen Bewohner*innen, verlief der zweite Lockdown bisher deutlich entspannter. „Klar ist es belastend für sie, dass sie am Wochenende nicht zu den Familien können und uns jeden Kontakt melden müssen“, sagt Hemleb. „Aber man merkt einen Gewöhnungseffekt, im zweiten Lockdown fiel es ihnen leichter.“ Er verspürt sogar einen größeren Zusammenhalt zwischen den Jugendlichen. „Seitdem sie so viel Zeit miteinander verbringen müssen, kennen und verstehen sie sich besser als vorher.“

Homeschooling: Technik und Struktur

Auch das Homeschooling hat sich eingespielt. Dabei waren die Voraussetzungen denkbar kompliziert: Die Jugendlichen gehen in unterschiedliche Klassen auf fünf verschiedenen Schulen – es hat also niemand vergleichbare Aufgaben. Im ersten Lockdown saßen sie alle mit ihren Arbeitsblättern gemeinsam im Gruppenraum. Unterricht über moderne Kommunikationsmittel setzte erst nach und nach ein, und glücklicherweise nicht bei allen. „Mit drei PCs und einem Laptop sind wir im Vergleich noch ganz gut aufgestellt, aber Kameras und Kopfhörer mussten wir natürlich erst mal anschaffen“, so Steve Hemleb. Aber Technik hin oder her – das Hauptproblem am Homeschooling sieht der 36-Jährige an anderer Stelle: „Manche der Jugendlichen können sich und ihr Lernen gut selbst organisieren, andere gar nicht. Da bedarf es einer guten Struktur innerhalb des Jugendhauses – das mussten wir uns erst erarbeiten.“

Wie so vieles im Jahr 2020. „Eine ganz neue, irre Erfahrung“, ist Joeys Fazit zur Corona-Pandemie. Sein Erzieher Steve Hemleb kann sich da nur anschließen.

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